Gewalttaten in den Medien: Goethes langer Atem

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Österreich ist anders

Mord ist - weltweit betrachtet - eine männliche Domäne. Sowohl Täter, als auch Opfer sind überwiegend männlichen Geschlechts [1].

Österreich ist anders: Im Jahr 2017 war die Heimat großer Töchter und Söhne der einzige Mitgliedstaat der Europäischen Union, in dem mehr Frauen ermordet wurden als Männer. Aktuellere Statistiken des letzten Herbsts zu Gewaltverbrechen im Allgemeinen zeigen, dass Österreich der einzige Mitgliedstaat der Europäischen Union ist, in dem mehr Frauen als Männer Gewaltverbrechen zum Opfer fallen [2].

Aber warum?

Die Gründe für das in Österreich vorherrschende "umgekehrte" Geschlechterverhältnis sind wenig erforscht. Ein möglicher Erklärungsansatz stellt darauf ab, wo Morde tendenziell stattfinden, nämlich im familiären Umfeld (Beziehungstaten udgl) oder im außerfamiliären Umfeld (Bandenkriminalität, organisierte Kriminalität udgl). Österreich sei nach dieser Meinung ein insgesamt vergleichsweise sicheres Land, in dem die Zahl der Morde an Männern, die überwiegend im außerfamiliären Umfeld statt fänden, relativ niedrig sei, während die überwiegend im familiären Bereich begangenen Morde an Frauen im europaweiten Mittelfeld lägen und ihre Zahl daher relativ hoch sei [3].

Andere Sichtweisen verweisen auf das gesellschaftlich verankerte Frauen-Männer-Bild, aber auch auf den hierzulande festzustellenden hohen Anteil von Personen mit Migrationshintergrund bei gleichzeitig hohem Anteil an Femiziden im Umfeld von Personen mit Migrationshintergrund ab [4].

Zeitliche Häufung von Morden an Frauen

Am 24.4.2021 soll ein 65-jähriger österreichischer Staatsbürger seine Ehefrau in Niederösterreich ermordet haben [5]. Fünf Tage später, am Abend des 29.4.2021, soll ein 42-jähriger Österreicher in Wien seine deutlich jüngere Ehefrau erschossen haben. Schnell wurde bekannt, dass es sich beim Tatverdächtigen um den "Bierwirt" handeln soll, über dessen gerichtliche Auseinandersetzung mit Siegrid Maurer umfassend berichtet wurde [5a]. In den folgenden Tagen konnte eine intensive mediale Berichterstattung über die im engen Familienkreis begangene Bluttat festgestellt werden, zumal der angebliche Täter weiten Teilen der Bevölkerung bereits bekannt war.

Fünf Tage nach der vorgenannten Bluttat wurde am 4.5.2021 ein älteres österreichisches Ehepaar in Wien tot aufgefunden, wobei der Ehemann zuerst seine Ehefrau und anschließend sich selbst getötet haben dürfte [6]. Einen weiteren Tag später, und zwar in der Nacht vom 5. auf den 6.5.2021, folgte ein Doppelmord, der von einem 51-jährigen Salzburger an seiner etwa gleichalten Ehefrau und deren Mutter begangen worden sein soll [7]. Eine ähnliche Häufung von Femiziden war zuletzt zum Jahreswechsel 2018/2019 festzustellen, als innert weniger Wochen fünf Frauen ermordet wurden [8].

Wieso Morde im Allgemeinen und Morde an Frauen im Besonderen zeitlich oftmals zusammenfallen, ist bislang wenig erforscht. Ein möglicher Erklärungsansatz wird im Folgenden beschrieben.

Goethes zweifelhafter Ruhm

Im Jahr 1774 veröffentlichte Johann Wolfgang von Goethe seinen Roman "Die Leiden des jungen Werthers", in dem der junge Werther in Form von Briefen über seine unglückliche Liebesbeziehung zu der bedauerlicher Weise bereits vergebenen Lotte klagt, ehe er seinem Leben und also seinem Schicksal selbst ein Ende setzt. "Die Leiden des jungen Werthers" waren europaweit ausgesprochen erfolgreich [9], aber auch auf wohl wenig beabsichtigte Form einflussreich: Nach Publikation des Buches war eine mindestens zweistellige Anzahl von Suiziden festzustellen, die zweifellos in einem Konnex zu Goethes Werk stand [10]. Der Nachahmungseffekt bei Suiziden wird deshalb auch als Werther-Effekt bezeichnet.

Wenngleich der vorgenannte Zusammenhang zwischen einer literatischen Beschreibung eines Suizids und dessen Nachahmung in gewissen Fällen durchaus auffiel - mancherorts wurde der Handel mit Goethes Buch untersagt - dauerte es bis in die 1970er-Jahre, ehe sich die psychologische und soziologische Forschung des möglichen Nachahmungs-Effekts bei Suiziden annahm. Ein solcher ist mittlerweile wissenschaftlich gut abgesichert. So zeigte sich etwa, dass im Zeitraum zwischen den Jahren 1947 und 1967 in 33 Fällen von Berichten von Selbstmorden prominenter Personen auf dem Titelblatt der New York Times in sämtlichen 33 Fällen ein Anstieg der Selbstmordrate in der Region New York folgte [11]. Im Jahr 1980 beschrieb eine prämierte deutsche Mini-TV-Serie den Suizid eines Schülers, der sich vor eine Eisenbahn warf. Anschließend kam es zu einer Häufung von eisenbahnunterstützten Selbstmorden bei Jugendlichen, nicht aber bei Erwachsenen [12]. Bei einer erneuten, späteren Ausstrahlung des Films war dieser Effekt abermals, wenngleich abgeschwächt, festzsutellen [13]. Mitte der 1980er-Jahre wurde mehrfach über U-Bahn-unterstützte Selbstmorde in Wien medial breit berichtet, woraufhin eine Zunahme von vergleichbaren Suiziden festzustellen war [14]. Dem werten Leser wird aufgefallen sein, dass über Selbstmörder, die sich vor U-Bahn-Züge werfen, medial kaum mehr berichtet wird, ja selbst die Kommunikation der Wiener Linien gegenüber ihren  Fahrgästen bei suizidbedingten Fahrplanstörungen keinen Bezug auf die Todesursache mehr herstellt.

Nun wäre es denkbar, dass mediale Berichterstattung zu einer bloß temporären Häufung von Suiziden solcher Personen führt, die ihrem Leben ohnehin ein Ende setzen wollten, sprich eine bloß zeitliche Verlagerung von Selbstmorden nach sich zieht: Die Rate an Selbstmorden steigt nach Medienberichterstattung an, um anschließend stark abzufallen, ehe sie wieder ein Durchschnittsniveau erreicht. Diese Annahme findet jedoch in der vorliegenden Evidenz keinen Niederschlag. Vielmehr zeigen Studien, dass es nach Medienberichterstattung über Selbstmorde zu einer echten Zunahme der Suizidfälle kam, sodass nach einem Peak an Selbstmorden das durchschnittliche Niveau wieder erreicht, aber nicht unterschritten wird [15].

Besonders stark ist der Nachahmungseffekt in personaler Hinsicht bei jenen Personen, die sich in den Proponenten medialer Berichterstattung aufgrund von Gemeinsamkeiten wieder erkennen oder mit diesen sogar identifizieren können [16]. In zeitlicher Hinsicht greift der Nachahmungseffekt besonders signifikant im Monat der zugrunde liegenden medialen Berichterstattung ein [17], in örtlicher Hinsicht in jenen Regionen, in denen über einen Suizid besonders intensiv berichtet wurde [18].

Wussten Sie, dass Ihr Risiko, einen tödlichen Verkehrsunfall während einer Autofahrt oder eines Fluges zu erleiden, am höchsten ist, wenn in Medien drei bis acht Tage zuvor breit über Selbstmorde berichtet wurde? Dies indiziert, dass in den Tagen nach medialer Berichterstattung über Selbstmorde auch "versteckte" Selbstmorde vollzogen werden, etwa durch bewusst herbeigeführte Autounfälle. Dass hier nicht nur eine zeitliche Koinzidenz vorliegt, verdeutlicht der Umstand, dass Autofahrer bei Unfällen, die sich in den Tagen nach Medienberichterstattung über Selbstmorde zutragen, weitaus schneller sterben, als zu anderen Zeiten [19]. Wer seinem Leben ein Ende setzen möchte, steuert die finale Betonmauer eben mit möglichst hoher Geschwindigkeit an, um seine Leidenszeit zu minimieren.

Goethes langer Atem kann einen auch im Jahr 2021 noch mitunter zum Schaudern bringen.

Der Nachahmungs-Effekt in Zusammenhang mit Verbrechen an anderen

Dass Suizide einen Nachahmungs-Effekt auslösen, kann nunmehr als gesichert angesehen werden. Doch welche Vorbildwirkung haben Taten, die man nicht an sich selbst vollzieht, sondern an anderen?

Es bestehen starke Anzeichen dafür, dass Amokläufe Nachahmungstäter dazu animieren, vergleichbare Taten zu begehen. So folgten etwa auf die Amokläufe zweier Schüler in der amerikanischen Stadt Littleton im Frühjahr 1999 innerhalb der folgenden 10 Tage zwei weitere "erfolgreiche" Amokläufe an zwei weiteren Schulen, zudem gab es dutzende Anschlagsdrohungen und gescheiterte Versuche. Nach einem Amoklauf an der Virginia-Tech-Universität im Jahr 2007 kam es in den gesamten USA zu zahlreichen einschlägigen Versuchen [20]. Als in den 1980er-Jahren Täter Gefallen daran fanden, Supermarkt-Produkte zu manipulieren und Betreiber von Supermärkten anschließend zu erpressen, folgte eine Welle von mehr als 30 vergleichbaren Vorfällen von Nachahmungstätern [21]. Ähnliche Effekte waren auch bei Flugzeugentführungen in den 1970er-Jahren oder bei Terroranschlägen mittels Lastkraftwägen in den vergangenen Jahren festzustellen.

Wenngleich diese These nicht so valide abgesichert ist wie jene des Werther-Effekts bei Selbstmorden, bestehen doch Indizien dafür, dass auch Tötungsdelikte einen gewissen Nachahmungseffekt mit sich bringen und sich Tötungsdelikt daher gehäuft im engen zeitlichen Konnex zu Gewaltdarstellungen in Medien ereignen [22].

Die Ursache dieses Umstands ist noch Gegenstand der Forschung. Eine haltbare Erklärung hierfür liegt darin, dass Menschen die Tendenz haben, bei scheinbar unlösbaren Problemen dem Beispiel anderer Menschen zu folgen, die offenbar mit denselben Problemen konfrontiert sind bzw waren. Das gilt vor allem für solche Personen, die momentan psychisch labil oder verunsichert sind, und in Zusammenhang mit solchen "Vorbildern", die dem Nachahmungstäter besonders ähnlich sind [23].

Zusammenfassung

Der Werther-Effekt beschreibt den erstmals nach Publikation von Goethes Roman "Die Leiden des jungen Werthers" festgestellten und mittlerweile wissenschaftlich umfassend belegten Umstand, dass Suizide im unmittelbaren zeitlichen Konnex mit der medialen Berichterstattung hierüber Nachahmungstaten nach sich ziehen. Die letztgenannten finden gehäuft in jenen Regionen, in denen verstärkt über den Selbstmord berichtet wurde, sowie im Zeitraum zwischen dem dritten und etwa dem achten Tag nach der Veröffentlichung eines Selbstmordes statt. Es bestehen Hinweise darauf, dass ein gewisser Nachahmungseffekt nicht nur bei Selbstmorden, sondern auch bei anderen Gewaltverbrechen eintritt, insbesondere bei Amokläufen und Terroranschlägen, aber auch bei Erpressungen und Tötungsdelikten.

Eine mögliche Erklärung für Nachahmungseffekte liegt darin, dass Menschen, die mit aus ihrer Sicht unbekannten oder unlösbaren Problemen konfrontiert sind, als Entscheidungshilfe darauf Bezug nehmen, was andere Menschen in vergleichbaren Situationen getan haben. Dieser Effekt greift vor allem ein, wenn ähnliche Bedingungen gegeben sind und eine Situation hoher Unsicherheit vorliegt.

Femizide traten in Österreich zuletzt zeitlich gehäuft und "schwallartig" auf, zuletzt am 29.4.2021 (mit anschließender intensiver medialer Berichterstattung) und Folgetaten am 4.5.2021 und 5.5.2021. Dies korreliert mit den obgenannten Annahmen.

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Quellen

[1] Shaw, Julia (2018): Böse: Die Psychologie unserer Abgründe. München: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG.

[2] European Institute for Gender Equality (2021): Gender Statistics Database.

[3] Kastner, A. in: Hagen, L. & Ruep, S. & Scherndl, G.: Femizide in Österreich: Land der toten Frauen, in Der Standard vom 6.5.2021.

[4] Kastner, A. in: Meihart, E. & Hager, A.: Verheerende Aktualität: Warum gibt es in Österreich so viele Frauenmorde?, in Profil vom 30.4.2021.

[5] Riedl, B. & Hinterndorfer, R.: Bluttat in Neulengbach: Frau tot, Mann festgenommen, in NÖN vom 23.4.2021

[5a] Seeh, M: Der »Bierwirt« und der Mord im Gemeindebau, in Die Presse vom 30.4.2021.

[6] Pressemeldung der Polzeidirektion Wien vom 5.5.2021: Ehepaar tot in Wohnung aufgefunden

[7] Pressemeldung der Landespolizeidirektion Salzburg vom 6.5.2021: Tötungsdelikte im Flachgau - Erstmeldung

[8] Oberbucher, N: Nachahmung: Welche Rolle Berichte über Gewalttaten spielen, in Kurier vom 26.1.2019

[9] Fuld, W. (2012): Das Buch der verbotenen Bücher. Berlin: Galiani Verlag

[10] Ziegler, W. & Hegerl, U. (2002): Der Werther-Effekt Bedeutung, Mechanismen, Konsequenzen, in Der Nervenarzt 1

[11] Brosius, H. & Ziegler, W.: Aufsatz Massenmedien und Suizid: Praktische Konsequenzen aus dem Werther-Effekt, in Communicatio Socialis 34/2001

[12] Faust, F. (o.J.): Selbstmord als Nachahmungstat – Der „Werther-Effekt“ als medien-induzierte Selbsttötung.

[13] Kunczik, M. & Zipfel, A. (2006): Gewalt und Medien. Ein Studienhandbuch. Stuttgart: UTB-Verlag.

[14] Sonneck, G. & Etzersdorfer, E. & Nagel-Kuess, S. (1994): Imitative suicide on the Viennese subway, in Social Science & Medicine 38.

[15] Cialdini, R. (2017): Die Psychologie des Überzeugens. Bern: Hogrefe AG.

[16] Schmidtke, A. & Hafner, H. (1988): The Werther effect after television films: New evidence for an old hypothesis, in Psychological Medicine 18.

[17] Cialdini, R. (2017): ebenda.

[18] Philips, D. (1974): The influence of suggestion on suicide, in American Sociological Review 39.

[19] Philips, D. (1980): Airplane accidents, murder and the masz median, towards a theory of imitation and suggestion, in American Sociological Review 48.

[20] Ruiz, R. & Glenn, M. & Crowe, R. (2007): Apartment resident kills manager, in Houston Chronicle vom 24.4.2007

[21] Toufexis, A. (1993): A weird case, baby? Uh, huh! in Time vom 28.6.1993

[22] Philips, D. (1983): The impact of mass media violence on US homicides, in American Sociological Review 48.

[23] Cialdini, R. (2017): ebenda.


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