Die zyklische Entwicklung der Wirtschaft

1. Zyklische Abfolgen sind häufig anzutreffen

Unter einem Zyklus versteht man einen „Kreislauf regelmäßig wiederkehrender Dinge oder Ereignisse“ (Duden 2022), also die „regelmäßige Wiederkehr“ von Sachen oder Ereignissen (Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache 2022). Zahlreiche Aspekte unseres Lebens werden von zyklischen Vorgängen bestimmt: Begonnen mit Tag und Nacht, Ebbe und Flut und den Jahreszeiten über die Menstruation der Frau bis hin zu typischen Abfolgen im Wirtschaftsleben, die sich etwa in Form von  Produktionszyklen, Konjunktur- und Wirtschaftszyklen, Zinszyklen bis hin zu dem den Zusammenhang von Angebot, Nachfrage und Marktpreis beschreibenden Schweinezyklus.

Auch Wertpapier- und Rohstoffmärkte sind durch zyklische Bewegungen gekennzeichnet. Mit anderen Worten finden sich vielfältige statistisch auffällige Muster, die Anleger dazu nutzen können, mit höherer Wahrscheinlichkeit erfolgreiche Anlageentscheidungen zu treffen, als wenn derartige Muster nicht beachtet werden. Hier gilt, wie es Mark Twain ausdrückte, dass sich die Geschichte zwar nicht wiederholt, aber reimt.

Kurzum: In der Vergangenheit aufgetretene Muster bieten keine Garantie, dass sich diese in der Zukunft wiederholen. Im langfristigen Durchschnitt ist die Fortsetzung eines validen Musters allerdings wahrscheinlicher als dessen Bruch.

2. Wieso folgt die Börse typischen Mustern?

Warum dies so ist, lässt sich nicht verallgemeinert erklären. Ein nicht unwesentlicher Grund dürfte aber darin gelegen sein, dass sich Marktteilnehmer, die die Zukunft zu bewerten versuchen, regelmäßig mit der Vergangenheit auseinandersetzen, um Schlüsse zu ziehe und Prognosen aufzustellen. Manche Zyklen können in diesem Sinn als selbsterfüllende Prophezeiungen (mit-)erklärt werden, während der Ablauf einer selbsterfüllenden Prophezeiung seinerseits zyklisch gestaltet ist (vgl. Science Direct 2022). Jeden Börsezyklus alleine auf die Psychologie der Marktteilnehmer zurückzuführen, greif jedoch zu kurz, denn zahlreiche zyklische Bewegungen lassen sich auch rational begründen.

3. Die vierjährige amerikanische Präsidentschaftsperiode

Wenige zyklische Ereignisse haben derart nachhaltig und mit hoher Wahrscheinlichkeit eintreffende Auswirkungen auf die Entwicklung der Wertpapiermärkte, wie die Amtsperiode des amerikanischen Präsidenten, der als Regierungschef und Staatsoberhaupt die größte Volkswirtschaft der Welt maßgeblich zu beeinflussen vermag.

Analysiert man die Entwicklung des Dow Jones Industrial Average ("Dow Jones") seit dessen erstmaliger Veröffentlichung im Jahr 1896, war dessen Performance in Nachwahljahren im Durchschnitt die mit Abstand schlechteste im vierjährigen Regentschaftszyklus. Das liegt daran, dass Nachwahljahre regelmäßig dazu genutzt werden, um schmerzliche politische Entscheidungen zu treffen, die Unternehmen wie auch Privatpersonen belasten und jedenfalls kurzfristig nachteilige betriebs- und volkswirtschaftliche Auswirkungen haben können. Offenbar vertrauen politische Leitungspersonen auf die (zuverlässige) Vergessenskurve der Wähler, um ihre Widerwahlchancen zu optimieren.

Das zweitschlechteste Börsenjahr im sogenannten presidential election cycle ist das dem Nachwahljahr folgende Zwischenwahljahr, in dem Teile des Kongresses neu gewählt werden und üblicherweise jene Partei, die gerade nicht den Präsidenten stellt, Gewinne für sich verbuchen kann. Dass im Nachwahljahr unpopuläre politische Entscheidungen getroffen werden, die jedenfalls kurzfristig nachteilige wirtschaftliche Auswirkungen haben, zeigt sich auch darin, dass alle amerikanischen Baissen der Nachkriegszeit im Nach- oder Zwischenwahljahr begannen (ob die aktuelle Baisse bereits Ende 2021 oder erst Anfang 2022 begann, darüber lässt sich diskutieren).

Ähnliches gilt im Zusammenhang mit Kriegen. Auch der Eintritt der USA in die meisten großen Kriege der letzten hundert Jahre erfolgte fast immer - so bei beiden Weltkriege, dem Vietnamkrieg, und dem faktischen Eingriff in den Ukrainekonflikt - im Nachwahl- oder im Zwischenwahljahr, also mit möglichst großem zeitlichen Abstand zum Wahljahr. Zugleich beeinflussen Kriege die Wertpapiermärkte kurz- und mittelfristig negativ, wie in Punkt 4. näher beschrieben wird.

Eine bessere Entwicklung des Dow Jones zeigt sich im Wahljahr, die mit Abstand beste allerdings im Vorwahljahr: Denn in diesem werden seitens der an der Macht stehenden Partei zweckmäßige politische und wirtschaftliche Maßnahmen initiiert, die auch darauf abstellen, die Gunst der Wähler zu sichern. Der Dow Jones zeigt seit seiner Begründung im Durchschnitt in Vorwahljahren eine um etwa den Faktor 5,5 höhere positive Entwicklung als in Nachwahljahren.

presidential election circle

Quelle: BofA Merrill Lynch Global Research, Bloomberg

Studien zur Entwicklung des S&P 500 zeigen graduelle Unterschiede zu jener des Dow Jones. Auch ihnen ist allerdings gemein, dass die durschnittliche Indexentwicklung im Vorwahljahr jene der anderen drei Jahre des presidential election cycle deutlich übertrifft. Unabhängig von der betrachteten US-Börse bieten also amerikanische Vorwahljahre die statistisch höchste Möglichkeit auf Gewinne.

Ausnahmen bestätigen die Regel: Nach der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten setzte dieser im Nachwahljahr nicht primär wirtschaftliche Einschnitte, sondern sogleich Steuerentlastungen durch. Im Nachwahljahr war daher eine wesentlich günstigere Entwicklung der amerikanischen Wertpapierbörsen zu notieren, als im üblichen Wahlzyklus. Auch in der Präsidentschaft Trump ließen sich die höchsten Durchschnittsrenditen allerdings im Vorwahljahr erzielen.

 

presidential election circle 2

Quelle: Forbes

Wer meint, dass eine republikanische Präsidentschaft – immerhin werden Republikaner als wirtschaftsfreundlichere Partei angesehen – besser für die amerikanischen Börsen sei, der irrt. Tatsächlich ist die Entwicklung des Dow Jones seit dem Ende des zweiten Weltkrieges in Perioden einer demokratischen Präsidentschaft erfreulicher als in Phasen einer republikanischen Präsidentschaft. Bezieht man den Einfluss des Kongresses mit ein, so entwickelte sich der Dow Jones in Zeiten eines demokratischen Präsidenten und republikanisch dominierten Kongresses am besten, gefolgt von einem republikanischen Präsident und republikanisch dominierten Kongress, während die Performance des Dow Jones am schwächsten war, wenn ein republikanischer Präsident einem demokratisch dominierten Kongress gegenüberstand.

4. Kriege

Ebenso sachlich erklärbar ist, dass Aktienkurse mit dem Beginn eines Krieges typischerweise fallen, denn Menschen mögen vor allem eines nicht: Unsicherheit. Daher sinken die Kurse risikogeneigter Anlageprodukte, sobald sich der Beginn einer global relevanten kriegerischen Auseinandersetzung abzeichnet, während typischer Weise risikoarme Alternativen, etwa Gold, einen Wertanstieg verzeichnen.

Kriege führen regelmäßig zu einem Anstieg der Inflation, diese wiederum zu Maßnahmen der Zentralbanken, die das Wirtschaftswachstum zu hemmen intendieren. Auch das wirkt sich negativ auf die Aktienmärkte aus. Der Anstieg der Inflation ist vor allem auf ein Anspringen der Rüstungsindustrie zurückzuführen: Hierdurch steigen die Nachfrage nach Rohstoffen und in weiterer Folge die Rohstoffpreise, außerdem wirkt die Nachfrage nach Rüstungsgütern als Multiplikator, der positive Auswirkungen auf die Nachfrage nach vor- und nachgelagerten Gütern und Dienstleistungen anderer Unternehmen hat.

Insgesamt sind kriegerische Zeiten daher für die Aktienbörsen keine guten Zeiten. Der Dow Jones vermochte es noch in keinem großen Krieg ein nicht nur kurzfristiges Hoch zu markieren. Betrachtet man die Entwicklung des genannten Index' während der großen Kriege des letzten Jahrhunderts – den beiden Weltkriegen und dem Vietnamkrieg – zeigt sich, dass der Dow Jones nach einem anfänglichen Absturz jeweils mit nicht unerheblicher Volatilität seitwärts lief, um dann, wenn ein Kriegsende absehbar wurde, das Vorkriegsniveau zu erreichen. Darüber hinaus gehende, dauerhafte Anstiege erfolgen immer erst in einer ausgedehnten Erholungsphase nach Kriegsende, in der die Inflation typischerweise wieder fällt und fruchtbarer Boden für eine Modernisierung des Lebens aufbereitet war.

 

  Dow Jones WW1

 Dow Jones WW2

 Quelle: Crocer-Rhyne Co.

 

All dies zeigt sich beispielhaft am ersten Weltkrieg: Nachdem Erzherzog Franz-Ferdinand Ende Juni 2014 in Sarajevo erschossen worden war und der erste Weltkrieg im Juli 1914 begonnen hatte, folgte auch in den USA ein veritabler Börsencrash, von dem sich der Dow Jones in den Folgejahren - die USA waren noch nicht Kriegspartei - rasch erholte. Während der Kriegsdauer stieg die Inflation in Österreich-Ungarn auf rund 100 %, in den USA auf mehr als 18 % pro Jahr; eine breite Verarmung vor allem der Mittelschicht setzte ein. Mit dem Kriegseintritt der USA im April 2017 kam es zu erneuten, starken Kursverlusten an amerikanischen Wertpapierbörsen, wobei der Dow Jones bis November 2018, als zwischen dem Deutschen Reich und der Entente der erste Waffenstillstand von Compiègne geschlossen wurde, seit Vorkriegshoch wieder erreicht hatte. In den 1920er-Jahren folgte, wie nach dem Ende von Kriegen üblich, ein deutlicher Rückgang der Inflation. Der Wunsch der von Kriegserfahrungen gezeichneten Bevölkerung nach Friede und Liberalisierung leitete die roaring twenties ein, in denen in der westlichen Welt die Freiheit des Einzelnen Betonung - und unter anderem in Österreich und Deutschland im Jahr 1918, in den USA im Jahr 1920 das Frauenwahlrecht Einzug - erfuhr und damit Nährboden für Forschung und Wissenschaft geschaffen wurden. Die Massenproduktion des Autos setzte sich durch, wodurch die Preise für Kraftfahrzeuge erheblich fielen und letztgenannte für breitere Teile der Bevölkerung erschwinglich wurden. Nachdem Autos massentauglich wurden, musste Infrastruktur, allen voran Straßen, Tankstellen und Kraftwerke, ausgebaut werden. Immobilien konnten vermehrt auch außerhalb von Ballungszentren errichtet werden. Fernsehen und Radio wurden zu Massenmedien. Moderne Musikformen wie der Jazz setzten sich durch, mit ihnen Tanzbars und ein offenerer Umgang mit Sexualität, was Frauen etwa das Tragen kurzer Röcke ermöglichte. Die Wirtschaft erfuhr einen markanten Aufschwung: der Dow Jones verfünffachte sich in den 1920ern, ehe am 24.10.1929 mit dem black thursday ein bitteres Ende folgte, das die great depression einleitete. Der Dow Jones erreichte sein Hoch aus dem Herbst 1929 erst Mitte der 1950er-Jahre wieder.

Auch große Kriege treten im Übrigen in zeitlich regelmäßigen Abständen auf: Seit dem Beginn des neunzehnten Jahrhunderts traten die Vereinigten Staaten von Amerika alle 53.5 Jahre in einen Krieg von erheblicher Bedeutung ein, wie nachfolgende Grafik, die im Jänner 2020 publiziert wurde und einen in den folgenden Jahren nahenden kriegerischen Konflikt indizierte, darlegt:

 

War Cycle

 Quelle: Money & Markets LLC

5. Saisonale Muster, Wochentage und Uhrzeiten

Nachdem wir auf im weiteren Sinn politische Einflüsse auf die Entwicklung der Wertpapierbörsen eingegangen sind, soll noch ein Blick auf prima vista weniger evidente Umstände gelenkt werden, die ebenfalls zyklischen Bewegungen unterliegen: Die Jahreszeiten, Wochentage und Stunden des Handelstages.

5.1 Saisonale Muster

Sell in May and go away, but don't forget to come back in September - wenige Börsenweisheiten sind so bekannt, wie jene, die auf saisonale Trends, die sich seit Ende des zweiten Weltkriegs zeigen, anspielt. Ganz richtig ist der voranstehend genannte Spruch allerdings nicht: Denn statistisch ist die Zeit zwischen November und April jene, die eine bessere Kursentwicklung der Wertpapierbörsen aufweist, als die andere Jahreshälfte. Die zwischen November und April liegenden Monate, ausgenommen der Februar, waren in den letzten Jahrzenten jene Monate, in denen die amerikanischen Wertpapierbörsen die beste Kursentwicklung aufzeigten. In den letzten Jahrzehnten erwiesen sich demgemäß Dezember und Juni als die stärkste, August und September als die schwächsten Börsemonate.

Wer seit dem zweiten Weltkrieg ausschließlich in der "guten" Jahreshälfte in Aktien des Dow Jones investierte, konnte eine Durchschnittsrendite von mehr als 7 % (S&P 500: ebenso 7 %) erzielen, wer ausschließlich in der "schlechten" Jahreshälfte investierte, eine solche von bloß 0,3 % (S&P 500: 2 %).

sp seasonality

 Quelle: EquityClock


Besonders starke saisonale Muster weist der Jahreswechsel auf. In diesem ist in der ersten Monatshälfte des Dezembers häufig eine relative Schwäche, anschließend - beginnend um den dreifachen Hexensabbat - eine relative Stärke festzustellen. In der letzten Dezemberwoche bis zum Wiedererwachen der Wertpapierbörsen nach den Feiertagen (Heilige Drei Könige und orthodoxe Weihnachten) sind überdurchschnittlich häufig Kursgewinne festzustellen, was auch als "Weihnachtsrallye" oder "Jahresendrallye" bezeichnet wird. Dieses Muster ist einerseits darauf zurückzuführen, dass professionelle Händler im Dezember ihre Portfolios umschichten, wobei im letzten Jahr verlustbringende Aktien verkauft werden, wärend zum neuen Jahr verstärkt jene Aktien erworben werden, die im vergangenen Jahr zu den Verlierern zählten und denen Comebackpotenzial beigemessen wird. Andererseits ist zu bedenken, dass nach dem nationalen Recht zahlreicher Staaten, insbesondere auch nach US-amerikanischem Recht, Privatanleger bis zur letzten Dezemberwoche die Möglichkeit haben, Buchverluste von Aktien zu realisieren und diese mit Gewinnen des letzten Jahres gegenzuverrechnen, um so ihre Steuerlast zu optimieren. All dies begünstigt einen Abverkauf von im vergangenen Jahr ohnehin schwachen Aktien im Dezember eines jeden Jahres und einen Anstieg der zuvor abverkauften Aktien im neuen Jahr, insofern diesen grundsätzlich positive Zukunftsaussichten beizumessen sind. Stärker als bei large caps fallen diese Effekte bei small caps aus. Hinzu kommt, dass viele Berufstätige mit Jahresende erfolgsabhängige Gehaltsbestandteile ausbezahlt bekommen, die in Ländern, in denen Aktieninvestments gesellschaftlich positiver angesehen werden als im deutschsprachigen Raum, auch in Wertpapiere investiert werden.

In seltenen Fällen bleibt die Jahresendrallye aus. Kehrt sie sich ins Gegenteil um, treten also zwischen dem dreifachen Hexensabbat im Dezember und Anfang bis Mitte Jänner Verluste auf, ist dies ein Hinweis auf weiter fallende Kurse. Eine ebenso auffällige Eignung als Indikator für künftige Kursentwicklungen kommt dem Jänner zu: Steigen in diesem Monat die Wertpapierbörsen, war dies in den letzten dreißig Jahren fast ausnahmslos ein Hinweis auf eine positive Performance von Dow Jones und S&P 500 im Gesamtjahr, während fallende Kurse im Jänner Vorbote für ein schwaches Börsenjahr waren.

5.2 Wochentage

Welche Wochentage die beste bzw. schlechteste Performance bei Wertpapieren mit sich bringen, lässt sich nicht einheitlich beurteilen. Während in der ferneren Vergangenheit der Wochenbeginn die beste Entwicklung an amerikanischen Wertpapierbörsen mit sich brachte, zeigen in der jüngeren Vergangeheit eher die Tage ab der Wochenmitte eine überdurchschnittliche Entwicklung auf; am signifikantesten ausgebildet sind diese Unterschiede beim NASDAQ, während die tagesabhängigen Performanceunterschiede bei Dow Jones und S&P 500 nur schwach ausgeprägt sind. Einheitlich ist der zweite Handelstag der Woche jener Tag, an dem die schwächste Kursentwicklung festzustellen ist.

Anderes gilt in unsicheren Zeiten: In diesen erweist sich der letzte Handelstag der Woche als besonders schwach, was wohl auf die Risikoaversion der Marktteilnehmer zurückzuführen ist, die so unliebsamen Neuigkeiten über das Wochenende hinweg gelassener entgegen sehen können. Ein entsprechendes Muster fallender Kurse zum Ende der Woche war zuletzt in den ersten Wochen des Ukraine-Kriegs deutlich ausgeprägt.

Besondere Beachtung verdienen die großen Optionsverfalltage ("triple witching days"), die am jeweils dritten Freitag in den ein Kalenderquartal abschließenden Monaten März/Juni/September/Dezember gelegen sind; im Jahr 2023 sind dies der 17.3., 16.6., 15.9. und 15.12. An diesen Tagen verfallen sowohl Terminkontrakte, die auf den betreffenden Monat, also auch solche, die auf ein Kalenderquartal bezogen sind. Der große Optionsverfalltag ist dem kleinen Optionsverfalltag gegenüberzustellen, der am dritten Freitag eines jeden Kalendermonats statt findet. An den den großen Verfallstagen vorangehenden Handelstagen sowie den dreifachen Hexensabbats selbst ist ein gesteigertes Handelsvolumen, gepaart mit erhöhter Volatilität, festzustellen, weil häufig Optionsberechtigte ihre Optionen ziehen und sich Verpflichtete unter Umständen mit neuen Wertpapieren eindecken. Kurschwankungen können um den jeweiligen großen Optionsverfallstag herum signifikant ausfallen, wobei in der jüngeren Vergangenheit die Wochen vor den großen Optionsverfalltagen tendenziell positiv, die nachfolgenden tendenziell schwächer ausfielen. Verliefen bereits die Wochen vor den großen Optionsverfalltagen negativ, galt dies umso mehr für die anschließenden Wochen.

5.3 Uhrzeiten

Bei Betrachtung einzelner Handelstage ist  innerhalb der ersten dreißig Handelsminuten eine unterdurchschnittliche, innerhalb der letzten Handelsstunde eine überdurchschnittliche Performance festzustellen. Wenig zu überraschen vermag, dass die Schwankungen um die Mittagszeit herum am schwächsten ausgeprägt sind, zumal hier auch das geringste Volumen des Handelstages festzustellen ist.

5.4 Zwischenergebnis

Wer an Wertpapierbörsen long geht, erzielt statistisch betrachtet die größten Erfolge, wenn er ab Ende September eines Jahres Positionen aufbaut und diese Ende April, Anfang Mai des Folgejahres abbaut oder in weniger riskante Anlageklassen als Aktien umschichtet. Für den Ankauf bieten sich die letzten drei Tage einer Kalenderwoche an - es sei denn, man handelt in Krisenzeiten, etwa in heiklen Phasen eines Krieges - wobei ein Einstieg am Ende der ersten Handelsstunde empfehlenswert ist. Am jeweils dritten Freitag eines Kalenderquartals ist mit überdurchschnittlich hohen Kursschwankungen im Aktien- und Termingeschäftsmarkt zu rechnen, sodass die Chance auf hohe Gewinne, aber auch auf hohe Verluste besteht.

6. Konjukturbezogene Zyklen

Zahlreiche Forscher versuchten sich daran, langfristige Zyklen im Wirtschaftsgeschehen ableiten und begründen zu können.

Ende des 19ten Jahrhundert stellte der französische Arzt Clement Juglar fest, dass sich Zinssätze und Bilanzen der untersuchten Nationalbanken von Frankreich, Großbritanniens und der Vereinigten Staaten von Amerika in 7 bis 11jährigen Zyklen bewegten. Wenngleich die tatsächliche Dauer solcher Zyklen umstritten ist, gilt Juglar als Entdecker von Konjunkturzyklen, die später vom österreichischen Ökonomen Joseph Schumpeter auch als Juglar-Zyklen bezeichnet wurden.

Der britische Statistiker Joseph Kitchin vermeinte im Jahr 1923 bei einer Analyse der Clearingumsätze, Zinssätze und Großhandelspreise von Großbritannien und den USA, kürzere Wirtschaftszyklen mit einer Dauer von etwa 40 Monaten zu erkennen. Begründet wurde dieser Zyklus mit Schwankungen in der Lagerhaltung. Den Juglar-Zyklus qualifizierte Kitchin als Aufeinanderfolge mehrerer Kitchin-Zyklen.

Die längste zyklische Bewegung definierte der sowjetische Ökonom Nikolai Kondratjew, der Mitte der 1920er-Jahre die These aufstellte, dass relativ kurze Konjunkturzyklen in lange Konjunkturwellen eingebettet seien, deren Dauer 40 bis 60 Jahre betrage. Aufschwungphasen in einer wellenartigen Bewegung seien von überwiegend starker Konjunktur gekennzeichnet, während in Abschwungphasen Basisinnovation erfolge, also grundlegende Entdeckungen gemacht würden, die in weiterer Folge Produktivitätssteigerungen hervorriefen und Grundlage für den nächsten Anstieg bildeten. Den ersten Zyklus meinte er im Zeitraum zwischen etwa 1780 und 1840 zu erkennen, in dem die Dampfmaschine, deren Ursprünge im 16ten Jahrhundert gelegen sind, maßgeblich fortentwickelt wurde, den zweiten Zyklus im Zeitraum zwischen 1840 und 1890, der entscheidend von der Entwicklung und Verbreitung der Eisenbahn geprägt wurde. Der dritte Zyklus habe um 1890 begonnen und werde - so prognostizierte Kondratjew 1926 - Ende der 1920er-Jahre seinen Höhepunkt erreichen bzw. in einen Abschwung münden, letztlich um 1940 enden. Diese Vorhersage bestätigte sich in weiterer Folge mit dem Börsencrash von 1929 und der anschließenden großen Depression eindrucksvoll - was Kondratjew allerdings nicht mehr mitbekam, wurde er doch 1936 durch das stalinistische Regime hingerichtet.

Joseph Schumpeter beschäftigte sich in seinen Arbeiten mit dem Verhältnis zwischen Konjunkturzyklen und langen Konjunkturwellen und bezeichnete die von Kondratjek entdeckten, wellenartigen Bewegungen als Kondratjew-Zyklen. Zeitgenössische Ökonomen, die den Bestand von Kondratjew-Zyklen annehmen, erkennen weitere Wellen-Tal-Bewegungen zwischen etwa 1940 und 1990, maßgeblich beeinflusst durch Basisinnovationen auf dem Gebiet der Automobilindustrie und des Computers, und beginnend mit 1990 und endend zwischen 2030 und 2050, maßgeblich beeinflusst durch Basisinnovationen auf dem Gebiet der Informationsverarbeitung und -verwertung und/oder biotechnologischen Entwicklungen. Auch der zeitgenössische österreichische Ökonom Stephan Schulmeister fortschte in der Vergangenheit zu langfristigen Zyklen, die die Volkswirtschaft prägen, wobei diese durch den alterierenden beherrschenden Einfluss von Realkapital oder Finanzkapital bestimmt würden.

Die Juglar-, Kitchin- und Kondratjew-Zyklen sind gesamthaft die in der Zyklentheorie vorherrschenden Konzepte wiederkehrender konjuktureller Schwankungen.

7. Zusammenfassung

Viele Ereignisse folgen zeitlichen Abfolgen, die mit einiger Wahrscheinlichkeit auch künftig auftreten werden: Hierunter fallen Tag und Nacht ebenso wie Sommer und Winter, aber auch bestimmte Entwicklungen der Aktienbörsen. Insbesondere wurden diese in der Vergangenheit in auffallender Ähnlichkeit durch die Amtsperiode der amerikanischen Präsidenten, Kriege und Konjunkturzyklen beeinflusst. Auch innerhalb der Kalenderjahre, ja selbst innerhalb von Handelstagen zeigen sich Muster, deren Berücksichtigung im langfristigen Durchschnitt die Wahrscheinlichkeit von erfolgreichen Investments erhöhen kann.

Das Jahr 2023 ist ein amerikanisches Vorwahljahr, das typischer Weise für steigende Börsenkurse sorgt. Der schwelende Krieg in der Ukraine wirkt hingegen, so zeigen historische Erfahrungen, auf die Wirtschaft hemmend. Ebenso befinden wir uns im Konjunkturzyklus in einer Phase der Stagnation (USA) oder beginnenden Rezession (Europa). Insofern im kommenden Jahr der Ukraine-Krieg beendet werden kann, spricht eine Zyklenanalyse für eine positive Entwicklung der US-Börsen.

 

Diclaimer: Zahlreiche Fragen im Kontext mit volkswirtschaftlichen Mechanismen und Zusammenhängen sind Gegenstand der Forschung und nicht abschließend geklärt. Darüber hinaus werden in diesem Artikel historische Vergleiche angestellt, die keine sicheren Schlüsse auf die Zukunft zulassen. Insbesondere besagen Wertentwicklungen in der Vergangenheit nicht, dass diese sich in Zukunft wiederholen.

Wenngleich die Grundlagen unserer Ausführungen sorgfältig recherchiert wurden, erhebt dieser Artikel daher weder einen Anspruch auf Richtigkeit, noch auf Vollständigkeit, sondern gibt - sofern nicht explizit externe Quellen angeführt werden - unsere persönliche Meinung zu den diskutierten Themen wieder.

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